XPLN/Lernbereiche

E11 · IPv6 · RFC 9915

DHCPv6, SLAAC und Router Advertisements

Kapitel in dieser Lernstufe

Das lernst du

  • DHCPv6 als eigenes Protokoll von DHCPv4 abgrenzen.
  • Adresse, Zusatzparameter und Default Router getrennt untersuchen.

Voraussetzungen: G02 · IPv4 und Subnetze berechnenF09 · DHCP-Relay und giaddrE01 · Paketaufbau bis auf Byteebene

IPv6 ist nicht IPv4 mit längeren Adressen. DHCPv6 besitzt andere Nachrichten, Identitäten, Ports und Relaystrukturen. Seit Januar 2026 ersetzt RFC 9915 die frühere Basis RFC 8415.

Router Advertisement
Eine IPv6-Nachricht eines Routers mit Link- und Präfixinformationen. Eine positive Router Lifetime kann ihn als Default Router bekannt machen. DHCPv6 ersetzt diese Funktion nicht.

IPv6-Konfiguration hat mehrere Quellen

Ein Host, mehrere KonfigurationsquellenRouter AdvertisementRouter + PräfixinformationDHCPv6Adressen / ZusatzparameterDefault RouterSLAACStateful: AdresseKeine gewöhnlicheGatewayoptionHOSTKONFIGURATIONRouteAdresse(n)z. B. DNS
Grafik vergrößern
Ein Host, mehrere KonfigurationsquellenRouter AdvertisementRouter + PräfixinformationDHCPv6Adressen / ZusatzparameterDefault RouterSLAACStateful: AdresseKeine gewöhnlicheGatewayoptionHOSTKONFIGURATIONRouteAdresse(n)z. B. DNS
Router Advertisements liefern unter anderem Router- und Präfixinformationen. SLAAC kann daraus Adressen bilden; Stateful DHCPv6 kann Adressen und DHCPv6 zusätzliche Parameter liefern. Die normale IPv6-Default-Route stammt aus RA, nicht aus einer DHCPv4-artigen Gatewayoption.

Drei Mechanismen können zusammenwirken

SLAAC bildet Adressen anhand von Router Advertisements und Präfixinformationen. Stateful DHCPv6 kann Adressen verwalten; Stateless DHCPv6 liefert Zusatzparameter ohne eine solche Adresslease. Router Advertisements enthalten Hinweise wie M/O-Flags, ihre Verarbeitung hängt auch vom Client ab.

Der Standardrouter wird bei IPv6 im üblichen Hostverfahren aus Router Advertisements gelernt, nicht aus einer DHCPv4-artigen Routeroption in DHCPv6. Ein Client kann deshalb eine DHCPv6-Adresse besitzen und trotzdem keinen brauchbaren Default Router haben. Ein RA mit Router Lifetime null kündigt keinen nutzbaren Default Router an.

Identitäten, Transport und Relay

DHCPv6 verwendet UDP 546 für Clients und 547 für Server/Relays. Multicast ersetzt nicht einfach jeden IPv4-Broadcast im Verhältnis eins zu eins. Der typische Austausch heißt Solicit, Advertise, Request, Reply; weitere Abläufe und Rapid Commit können davon abweichen.

DUID bezeichnet eine DHCP-Identität; IAID unterscheidet Identity Associations eines Clients. Eine DUID ist nicht schlicht die aktuelle MAC-Adresse. DHCPv6-Relays kapseln Nachrichten in Relay-forward/Relay-reply und verwenden eigene Felder wie link-address und peer-address; giaddr gehört zu DHCPv4.

Präfixdelegation und Produktgrenzen

Mit Prefix Delegation kann ein anfragender Router ein Präfix für nachgelagerte Netze erhalten. Das ist etwas anderes als die Vergabe einer einzelnen Hostadresse. Der delegierte Bereich, seine Lebensdauer und nachgelagerte RA-Konfiguration müssen zusammen geplant werden.

Windows-DHCPv4-Failover nicht als DHCPv6-HA-Lösung voraussetzen. Kea-DHCPv6 und seine HA-Unterstützung separat prüfen. Das XPLN-Browserlabor ist DHCPv4; P37 führt deshalb in ein echtes isoliertes IPv6-Labor statt eine unvollständige IPv6-Simulation vorzutäuschen.

Eine IPv6-Konfiguration aus mehreren Quellen zusammensetzen

Ein IPv6-Client kann gleichzeitig eine Link-Local-Adresse, eine per SLAAC erzeugte Adresse und weitere per DHCPv6 verwaltete Informationen besitzen. Diese Werte schließen einander nicht grundsätzlich aus. Router Advertisements beschreiben unter anderem Routerverfügbarkeit und Präfixinformationen; DHCPv6 ist für andere Teile der Konfiguration zuständig. Eine Default Route wird im üblichen IPv6-Hostbetrieb aus Router Advertisements gelernt, nicht als direkte Kopie der DHCPv4-Gatewayoption.

Bei einem Fehler untersuchst du deshalb Adresse, Präfix, Standardroute und Resolver getrennt. Eine vorhandene globale Adresse beweist keinen gültigen Standardrouter. Ein beantworteter DHCPv6-Austausch beweist nicht, dass Router Advertisements den Client erreichen. Die Trennung ist besonders wichtig in Netzen, deren Filter zwar DHCPv6 erlauben, notwendige ICMPv6-Kommunikation aber behindern.

Dual Stack hat zwei eigenständige Fehlerbilder

Dual Stack bedeutet, dass IPv4 und IPv6 parallel betrieben werden. Eine Anwendung kann über eine Familie funktionieren und über die andere scheitern. Prüfe daher bewusst beide Wege und die jeweiligen DNS-Antworten. Ein erfolgreicher IPv4-DHCP-Bezug erklärt keine fehlende IPv6-Route; eine funktionierende IPv6-Verbindung beweist umgekehrt keinen freien IPv4-Pool.

Auch Identitäten, Relayformate und Ports unterscheiden sich. DHCPv6 nutzt Clientport 546 und Server-/Relayport 547 sowie eigene Nachrichten und Kennungen. Das DORA-Schaubild aus DHCPv4 darf deshalb nicht bloß mit IPv6-Adressen beschriftet werden. Für dieses Kapitel ist RFC 9915 die aktuelle Protokollreferenz; ältere Darstellungen nach RFC 8415 müssen beim Detailvergleich auf Änderungen geprüft werden.

DURCHGEARBEITETES BEISPIEL

IPv6-Adresse, aber kein Weg nach außen

  1. Ein Testclient erhält eine Adresse aus 2001:db8:10::/64 per DHCPv6. Dieser Dokumentationspräfix wird ausschließlich im isolierten Lehrnetz verwendet.
  2. Die Routingtabelle enthält keinen Default Router. Paketaufnahme zeigt DHCPv6-Reply, aber kein geeignetes RA mit positiver Router Lifetime.
  3. RA-Dienst und dessen Interface/Router Lifetime korrigieren. Danach Default Route, Adressherkunft und DNS-Parameter getrennt prüfen.
  4. Anschließend SLAAC zusätzlich aktivieren und beobachten, dass mehrere Adressen mit unterschiedlichen Entstehungsmechanismen koexistieren können.

Ergebnis: Eine DHCPv6-Adresse belegt weder die Existenz eines Default Routers noch, dass alle Clients identisch auf RA-Flags reagieren.

Typische Fehler

  • DHCPv6 verteilt nicht die gewöhnliche IPv4-Gatewayoption.
  • DUID ist nicht immer gleich MAC.
  • RFC 8415 ist durch RFC 9915 abgelöst; ältere Produktdokumentation muss im Versionskontext gelesen werden.

Praktisch anwenden

Offizielle Quellen

Versionsbezüge geprüft am 14. Oktober 2026. Produktkonfigurationen werden im jeweiligen isolierten Labor validiert.